Tutorial | Wie benutze ich ein Inch-Lineal?

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Ein Viertel, ein Achtel, ein halbes Inch – Häh? Wer zum ersten Mal eine Nähanleitung in Inch sieht, ist erst mal irritiert. Dabei ist das alles gar nicht schwer und du musst kein Mathegenie sein! Inch-Lineale haben große Vorteile. Wer sich damit auskennt, dem eröffnet sich eine riesige Welt großartiger Nähanleitungen. In diesem Tutorial zeige ich dir, wie ein Inch-Lineal aufgebaut ist und wie du damit arbeitest.

Bevor wir ins Technische einsteigen, möchte ich dir ein paar Hintergrundinfos mitgeben. Es ist nämlich echt spannend, was es mit der alten Maßeinheit Inch auf sich hat und warum sich viele englischsprachige Länder nicht davon trennen wollen. Obwohl sich international aus guten Gründen das metrische System durchgesetzt hat, gibt es ein paar gallische Dörfer, die am Inch hängen. In den USA ist es immer noch die Hauptmaßeinheit.

Inch und Zoll ist dasselbe!

Wir kennen Inch unter der Bezeichnung „Zoll“. Es begegnet uns im Alltag nur selten, am ehesten, wenn wir elektronische Geräte kaufen. Die Bildschirmdiagonale bei Fernsehern, Notebooks oder Handys wird in Zoll angegeben, aber auch der Durchmesser von Auto- und Fahrradfelgen. Manchmal ist uns gar nicht bewusst, dass wir es mit Inch zu tun haben, wie bei der Bundweite von Jeanshosen. Wenn auf dem Etikett die Größe W 32 / L 34 steht, dann sind das Angaben in Inch.

Was Inch mit dem König von England zu tun hat

Der Meter ist eine Errungenschaft der Französischen Revolution. 1793 wurde eine Maßeinheit eingeführt, die sich direkt aus der Natur herleitet. „Ein Maß, für alle Zeit, für alle Völker!“ – Das war die große Idee der Aufklärer. Jahrtausende davor haben wir Menschen unseren Körper benutzt, um Längen zu definieren: die Elle, der Fuß, der Schritt, eine Handbreit, ein Daumenbreit. Alles alte Maßeinheiten. Der Schwachpunkt dieser Maße: Es sind nur ungefähre Größen, und sie wurden regional sehr unterschiedlich definiert.

Das Inch wurde im Jahr 1101 von Heinrich I. von England eingeführt und bezog sich auf die Breite seines Daumens. Heute ist das englische Inch genormt und beträgt haargenau 0,0254 Meter, also 2,54 Zentimeter. Du kannst dir also merken:

1 Inch = ungefähr 2,5 cm

Super, dann kann ich doch ganz einfach Inch in Zentimeter umrechnen, oder?

Ja, aber nicht bei allen Nähprojekten! Wenn du Taschen oder Accessories nähst, ist das kein Problem. Hier kommt es nicht auf den Millimeter an. Verwende z. B. dieses praktische Online-Tool, um Inch in Zentimeter umzurechnen. Krumme Zahlen kannst du auf- oder abrunden.

Aber beim Patchworken ist Präzision alles. Deshalb sind selbst gebastelte Inch-Lineale oder aufwendige Umrechnereien keine zufriedenstellende Lösung. Die Millimeter-Fehler summieren sich und am Ende ärgerst du dich nur. Wenn du es häufiger mit Nähanleitungen in Inch zu tun hast, dann investiere in ein oder zwei gute Inch-Lineale. Woran du ein gutes Lineal kennst, habe ich bereits in einem anderen Artikel geschrieben:

Schau dir dazu an: Tipps – Die 5 besten Lineale zum Nähen und Patchworken

So bekommst du ein Gefühl für Inch

Wir sind mit Zentimetern groß geworden und darauf geeicht. Deshalb ist es gar nicht so leicht, ein Gefühl für Inch zu entwickeln. Unter einer 20 x 30 cm großen Tasche kann ich mir sofort etwas vorstellen. Ich weiß, die Tasche ist ungefähr so groß wie ein Din A4-Blatt. Aber wie groß ist eine 10 Inch breite Tasche?

Mir helfen auch hier Vergleiche. Damit kann ich mir Inch-Maße besser vorstellen. Ich merke mir z. B. dass ein A4-Blatt etwa 12 Inch lang ist. Ein A5-Blatt ist ungefähr 8 Inch lang. 10 Inch = 25 cm. 20 Inch = 50 cm. Und mein Zeigefinger – der König von England lässt grüßen – ist 3 Inch lang.

Nähen mit Viertel und Achtel

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Inch und Zentimeter. Wir haben im dezimalen System 10er-Schritte, wie 0,1 cm, 0,2 cm, 0,3 cm. Die Maßeinheit Inch beruht dagegen auf 8er-Schritten, und die lassen sich besser als Bruch darstellen: 1/8, 1/4, 1/2. Auf dem Inch-Lineal steht jeder Strich für ein Achtel.

Inch-Lineal (links) und Geo-Dreieck mit Zentimeter-Einteilung (rechts)

Die Vorteile des Inch-Lineals fallen sofort auf. Es gibt viel weniger Striche als beim Zentimeter-Lineal, und die Striche liegen weiter auseinander. Das Inch-Lineal ist insgesamt übersichtlicher. Dadurch kannst du es blitzschnell anlegen und Stoff zuschneiden. Also keine Angst vorm Inch-Lineal! Du gewöhnst dich ganz schnell daran und wirst es nicht mehr missen wollen. Ich rechne inzwischen sogar häufiger von Zentimeter in Inch um, weil ich viel lieber mit Inch arbeite.

Darstellungsformen in Nähanleitungen

Maße in Inch werden als Bruch, gemischter Bruch oder Dezimalzahl angegeben. Damit du immer weißt, was gemeint ist, hier eine Übersicht mit Beispielen:

  • Bruch: Häufig werden dir Brüche begegnen: 1/2″ oder ½“ steht dann für ein halbes Inch.
  • Gemischter Bruch: eine Mischung aus ganzen Zahlen und Brüchen, z. B. 3 1/2″ oder 3 ½“  für dreieinhalb Inch. In amerikanischen Nähanleitungen wird oft auch ein Bindestrich benutzt: 3-1/2″ Diese Variante hat den Vorteil, dass sie gut zu lesen ist.
  • Dezimalzahl: Brüche kann man auch in Dezimalschreibweise mit Punkt oder Komma angeben: 0.5″ oder 0,5″ steht für ein halbes Inch. 0.25″ steht für ein viertel Inch. Schwierig wird es mit Maßen wie 5/8″. Das wären in Dezimalschreibweise 0.625″, was schlecht zu erfassen ist und deshalb in der Regel vermieden wird.
  • Anführungsstriche: “ sind die Abkürzung für Inch. Beispiel: 2″ bedeutet 2 Inch. Manchmal wird Inch auch mit „in“ abgekürzt.

Nähen mit 1/4 Inch Nahtzugabe

Beim Patchworken wird standardmäßig mit 1/4 Inch Nahtzugabe genäht. Das sind etwa 0,6 cm. Es gibt sogar Viertel-Inch-Nähfüße, die viele Nähmaschinen-Hersteller als Extra-Zubehör anbieten. Besonders gut finde ich den Viertel-Inch-Fuß mit Führungsschiene. Damit wird das genaue Einhalten der Nahtzugabe zum Kinderspiel. Aber auch viele Standard-Nähfüße haben Einkerbungen oder farbliche Markierungen für 1/4 Inch. An denen kannst du dich beim Nähen orientieren.

Viertel-Inch-Nähfuß mit Führungsschiene (links), Geradstich-Nähfuß mit Einkerbungen für 1/4 Inch und 1/8 Inch (rechts)

Beispiele zum Üben

Nach all den Jahren ist mir der Umgang mit Inch-Linealen in Fleisch und Blut übergegangen. Ich habe mich so sehr daran gewöhnt, dass ich mittlerweile ungern mit Zentimenter-Linealen arbeite. Aber für eine/n Anfänger/in ist es gar nicht so einfach, das Lineal auf Anhieb richtig anzulegen. Das erlebe ich in meinen Nähkursen immer wieder. Es braucht ein bisschen Übung. Hier zwei Beispiele, damit dir das Messen und Stoffzuschneiden leichter fallen:

Jetzt bist du bereit für die großartige, wundervolle Patchwork-Welt! Ich wünsche dir viel Spaß beim Messen und Nähen. Und wenn noch eine Frage offen geblieben ist, schreib mir gerne einen Kommentar.

Interessante Links und Tipps:

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13 Kommentare

  1. Hallo Katharina,
    danke fürs eine Tipps für das/die richtigen Lineale. Jetzt fehlt mir eigentlich nur noch: welche Schneidematten sind die richtigen/besten? Oder ist es hier nicht soooo wichtig.
    Liebe Grüße
    Toby

    • Hallo Toby,

      oh doch, hier kann man auch Fehlkäufe machen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass du eine „selbstheilende“ Schneidematte nimmst. Das bedeutet, dass sich Schnitte wieder schließen.

      Ich habe noch nicht viele unterschiedliche Schneidematten getestet, aber ich würde sagen, mit einer von Olfa (z. B. 45 x 60 cm) kannst du nichts falsch machen. Das Schneiden fühlt sich auf so einer hochwertigen Matte ganz anders an als auf einem billigen No-Name-Produkt. Es schneidet sich viel besser. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.

      Für mich persönlich ist auch noch ein wichtiges Kriterium, ob die Schneidematte unangenehm nach Kunststoff und Weichmacher riecht. Ich bin da offenbar sehr geruchsempfindlich. Wenn ich eine neue Schneidematte kaufe, lass ich sie deshalb erst mal ein paar Wochen im Keller ausdünsten.

      Ich arbeite im Moment ganz gerne mit einer hellgrauen Schneidematte von Semplix. Die riecht kaum und sieht auf Fotos gut aus. 🙂

      Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen. Vielleicht beschäftige ich mich mal intensiver mit dem Thema „Schneidematte und Rollschneider“ und veröffentliche einen eigenen Artikel dazu.

      Liebe Grüße
      Katharina

  2. Little Quiltsong

    Thank you Katharina for this post – I need to bookmark it :)! I’m always amazed at the wonderful history part of your posts – so, so wonderful to read.
    Here in Canada I/we grew up with the Imperial measurements, but in the early to mid 1970’s the metric system was ’slowly‘ implemented :)! I was just finishing highschool, so that was quite a big thing at the time :)! I remember the Newspaper had a lot of Articles comparing Fahrenheit to Celsius – so we could grasp the difference in both. Funny how many things aren’t implemented anymore in our school system – like how many oz. in a pound – or how much is one dozen – though these are still regularly used in our hospitals and market places. Even in our fabric stores, there are still two prices given – one for yards and one for metres – and we are asked each time, which measurement we would like. (I always think it is great that I am getting about 3″ more when asking for metres instead of yards, though of course I am paying for it too) :)! So – all in all, here in Canada at least – we swing between both systems. Especially makes it fun when trying to figure out recipes written in Imperial, but packages just show metric!! I guess we are back to Oma’s Kitchen – nimm so eine handvoll. Hmmmm, meine oder deine?!? 🙂

      • Liebe Sigi,

        das wusste ich auch nicht, dass ihr in Kanada zweigleisig fahrt und öfters wechselt. Das ist ja interessant. Ich würde mir wünschen, dass man in unseren Stoffläden auch nach Yard abschneiden lassen kann. Das wäre cool.

        „Pfund“ sagt man bei uns eigentlich nur noch beim Metzger. Ein Pfund Hackfleisch. Und dutzend? Viele wissen nicht mehr, wie viel ein Dutzend ist. Bei alten Backrezepten gibt es noch eine andere Maßeinheit: Tasse! 🙂 Eine Tasse Zucker, zwei Tassen Mehl… Das kann ich gar nicht leiden. Denn welche Tasse soll ich nehmen? Die kleine, die große, die mittlere? 😀 – Auf jeden Fall ist das ein interessantes Thema mit den verschiedenen Maßeinheiten.

        Ganz liebe Grüße
        Katharina

  3. Vielen Dank für den interessanten Beitrag und auch Deine Ausführungen von neulich zu empfehlenswerten Linialen. Ich habe im Sommer erstmals eine Patchwork-Anleitung nach Inch umgesetzt und hatte so meine Mühe, weil man als Laie einfach keinen Blick für die richtigen Relationen hat. Teilweise habe ich falsch zugeschnitten, weil ich mit den Linealen nicht zurecht kam … LG Kuestensocke

    • Hallo Kuestensocke,

      vielen Dank für dein Feedback. Ja, am Anfang ist es erst mal ungewohnt mit dem Inch. Aber es lohnt sich, dran zu bleiben. Ich finde es toll, dass du so offen erzählst, dass die ersten Versuche nicht gut geklappt haben. Ich glaube, das beruhigt viele, die dachten, sie seien die Einzigen, die Probleme mit dem Inch haben. Das simmt natürlich nicht.

      Liebe Grüße
      Katharina

  4. Vielen Dank für die ausführlichen Informationen zum Inch-Nähen. Das kann man sehr gut nachvollziehen und ich kann jedem empfehlen, diese Anleitung als Grundlage zum Umgewöhnen zu benutzen. Sehr interessant ist auch die historische Info.
    Ich bin schon lange Inch-Näherin (anfangs zögerlich) und möchte allen Mut machen sich darauf einzulassen. Nach kurzer Zeit ist es viel übersichtlicher als cm-Nähen.
    Lieben Dank nochmal, ich werde ein paar cm-Näherinnen in meinem Umkreis über deinen Post informieren
    mit vielen Grüßen eSTe

    • Liebe eSTe,

      danke, dass du als erfahrene Patchworkerin das noch mal bestätigst und zusätzlich Mut machst. Das Umgewöhnen lohnt sich auf jeden Fall. Ich kennen niemanden, der vom Inch-Nähen freiweillig zum cm-Nähen zurückgekehrt ist. 😉

      Ich freue mich sehr, wenn du meinen Blogpost weiterempfiehlst.

      Liebe Grüße
      Katharina

  5. danke für die hervorragende Zusammenstellung und den historischen Hintergrund. Deine Linealtipps werdeich mir noch einmal genauer ansehen auf die Markierungen und die Antirutschausrüstung. Vor allem schützt ein breites und rutschfestes Lineal sehr gut vor Verletzungen mit dem Rollschneider. Liebe Grüße von Frauke

    • Da hast du absolut recht. Den Sicherheitsaspekt sollte man auf jeden Fall auch mal erwähnen. Denn Verletzungen mit dem Rollschneider können sehr, sehr schmerzhaft sein.

      Liebe Grüße
      Katharina

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